Die Bibel – eine gute, alte Lehrerin

Die Bibel ist die Heilige Schrift im Christentum, die als Grundlage und Norm für die ganze Religionsausübung gilt. Als fester Bestandteil eines jeden Gottesdienstes wird ein Bibeltext gelesen und reflektiert. Aber auch für den persönlichen Glaubensweg wird das Lesen der Bibel und die Auseinandersetzung mit ihr empfohlen. Der deutsche Theologe Fulbert Steffensky schrieb in einem kurzen Aufsatz mit dem Titel «Warum liebe ich die Bibel?»: «Mit der Bibel haben wir oft weniger, als wir denken, und wir haben mehr, als wir denken können. Was haben wir nicht mit der Bibel? Es ist kein Buch mit einer Summe von Antworten, die unbezweifelt sind und die uns die Worte Gottes unmittelbar mitteilen. Der Text der Bibel ist noch nicht die pure Wahrheit. Wer die Bibel liest und hört, befindet sich in einem Transitraum der Wahrheit, unterwegs mit ihr und noch nicht bei ihr angekommen.» Die Bibel fordert uns nämlich heraus, das menschlich Undenkbare zu denken: Gerechtigkeit und Liebe werden sich dereinst als stärker erweisen, Gott wird alle Tränen abwischen und selbst den Tod besiegen. Fulbert Steffensky schrieb weiter: «Das Wunderbare an der Bibel ist, dass sie uns ständig in Widersprüche verwickelt. Sie widerspricht unserer Hoffnungslosigkeit, sie widerspricht unserer Bosheit. Sie ist wie eine gute Lehrerin, sie lässt uns nie dort, wo wir gerade sind. Lehren heisst, jemanden in Widersprüche verwickeln, und das tut diese alte Lehrerin dauernd. Sie führt uns dahin, wo wir noch nicht sind. Sie bildet uns, sie bildet unser Herz und unser Gewissen.» Das Entscheidende dabei ist, auf die Stimme anderer zu hören und nicht nur auf die eigene. Die Hauptstimme ist die der alten Lehrerin Bibel. Dazu kommen die Stimmen neuerer GesprächspartnerInnen in gedruckten Texten wie in Bibelgesprächen, Bibelteileten und Diskussionen: «Wenn wir auf sie hören, sind wir mehr als unser Selbstzitat.»

Daniel Meier