Kirche ist für mich: “Alles”

In einer Interviewreihe kommen wir mit Personen aus unseren beiden Pfarreien über ihre Erfahrungen und ihr Bild von Kirche und Pfarrei ins Gespräch. Unser drittes Interview durften wir mit Anneliese Weider aus Münchenstein führen.

Wie hast du in deinem Leben den Zugang zur Kirche gefunden?
Ich hatte tiefgläubige Eltern und Grosseltern. Wir haben uns aktiv beteiligt am Gemeindeleben. Es ist ein riesiges Geschenk, Vorfahren zu haben, die solch tiefen Glauben haben. Ich hatte auch das Glück, dass wir damals sowohl einen Pfarrer wie einen Vikar hatten, dazu noch drei Schwestern, die hinten im Schwesterhaus gewohnt haben. Eine davon hat den Kindergarten geleitet, in den ich gegangen bin. Im Nachhinein habe ich gesehen, all das musste so sein; Gott wusste wofür er mich einsetzen wird. Ich bin überglücklich darüber. Ich weiss nicht, wie es die Menschen machen, die ohne Herrgott auskommen wollen.

Was sind deine ersten Erinnerungen an die Kirche?
Ich bin so alt wie die Kirche von Münchenstein. Sie wurde 1932 eingeweiht. Damals war die Pfarrei noch klein. Pfarrer Joseph Hauss hat nach Spenden gesucht für den Kirchenbau. Er ging von Familie zu Familie und bat um jeweils zwanzig Rappen. Er war ein tief gläubiger Mensch. Schon ab zwei Jahren durften wir den Kindergarten besuchen. Dieser wurde von Schwester Reinholda geleitet. Wir waren 60 Kinder und es herrschte gute Disziplin. Ein besonderes Erlebnis war meine Erstkommunion. Es war ein wunderschöner Tag für mich. Ich trug ein weisses, bodenlanges Röckchen. Damals mussten wir noch nüchtern zur Kommunion kommen, also ohne was zu essen vorher. Ich bete heute noch Gebete, die ich damals bei Pfarrer Hauss gelernt habe. Wir feierten auch die Zweitkommunion, zusammen mit den neuen Erstkommunions-Kindern. In jenem Jahr ist Pfarrer Hauss jung und unerwartet gestorben. Das war ein Schock. Wir sind alle mit unseren weissen Kommunionskleidern hinter Ross und Wagen auf den Friedhof gezogen.

Was sind einige wichtige Stationen aus deinem Leben?
Ich war das Älteste von sechs Kindern. Nach der Schule machte ich ein Jahr Haushaltungsschule. Dann wollte ich in die Welt hinaus und arbeitete ein Jahr als Au-pair im Welschen. Da mich das Semi für Handarbeitslehrerin nicht aufnehmen konnte, lernte ich Hotelfach. Dazu waren Sprachen wichtig und so reiste ich auch für ein halbes Jahr nach England. An meiner ersten Stelle lernte ich dann meinen Mann kennen. Wir wohnten beide bis zur Heirat zu Hause bei den Eltern, wie es damals üblich war.

Welche Auswirkungen hat der Glaube für dich heute?
Ich bin überglücklich, dass ich katholisch bin, es hat mir nur Segen gebracht. Wenn man mit Gott verbunden sein Leben lebt, nimmt alles seinen Gang und so wie es herauskommt, ist es richtig. Ich bin jetzt 86 Jahre alt. Letzthin fragte mich eine Frau: “Welche Schönheitssalbe nimmst du für dein Gesicht? Es sieht so frisch und schön aus.” Meine Antwort: “Keine. Aber ich hole drei Mal pro Woche in der Kirche den Herrgott ab. Das macht glücklich und zufrieden. Und das strahlt man dann auch aus.”

Du hast dich stark für den Blauring unserer Pfarrei engagiert. Wie bist du zum Blauring gekommen?
In der Zeit zwischen einem Praktikum und meinem Englandaufenthalt habe ich sechs Wochen im Blauring ausgeholfen. Das waren zwölf Mädchen. Da ich schon immer klein war, trug ich den Spitznahmen “Müsli”. Der Blauring war damals der Heilig Geist Kirche angeschlossen. Ihre bisherige Blauring-Leiterin war ins Kloster eingetreten und die Gruppe hatte keine Leiterin mehr. Nach meinem England-Aufenthalt war ich kaum fünf Minuten wieder daheim, als das Telefon klingelte. Vikar Helbling war am Apparat und fragte “Sind Sie ‘s Müsli’? Ich habe hier zwölf Mädchen, die nach dem ‘Müsli’ schreien. Könnten Sie zu einem Gespräch zu mir kommen?” Ich meinte “Ja, klar, gerne. Gegen Abend ist gut, aber erst muss ich schlafen gehen, ich war die ganze Nacht unterwegs.”Ich übernahm die Gruppe gerne wieder. Vikar Helbling fragte mich an, ob ich auch bereit wäre, den Blauring hier in Münchenstein zu gründen, sodass die Mädchen hier in den Blauring kommen könnten. Bald schon folgte auch das erste Lager in Klingenzell, zusammen mit den Burschen von der Jungwacht. Unsere Blauring-Uniform bestand aus blauen Blusen, dunkelblauen Jupes und natürlich Wimpeln und einer grossen Fahne. Jedes Jahr machten wir ein dreiwöchiges Lager! Zu meiner Hochzeit vier Jahre später kamen 60 Mädchen. Und ein schönes Erlebnis hatte ich an meinem 85 Geburtstag: Zwei ehemalige Blauringmädchen schickten mir eine Glückwunschkarte und bedankten sich nochmals für die wunderbaren Lagerwochen, die wir zusammen erlebt hatten.

Im Kirchenchor warst du auch noch.
Als ich fünfzehn war, sprach mich eine Bekannte an: “Anneliese, du kannst so schön singen. Komm doch zu uns in den Chor.” Ich habe zugesagt und fortan im Sopran mitgesungen. Zwei Mal pro Monat sangen wir in der Messe und probten jeden Mittwochabend. All die Jahre war ich dabei. Zusätzlich singe ich auch im Kirchenchor in Pfeffingen. Jetzt werde ich kantonal gefeiert für das 70-Jahr-Jubiläum meiner Mitgliedschaft in Münchenstein.

Wie engagierst du dich heute in der Kirche?
Ich plaudere immer noch oft mit Leuten aus Jungwacht und Blauring. Vor sechs Jahren haben wir ein Wiedersehens-Treff mit 50 Personen von damals organisiert. Jetzt schreien sie nach einem weiteren Treffen. Ich pflege gute Kontakte zu vielen Menschen. Wenn sie Probleme haben, wissen sie, dass sie mich anrufen dürfen. Sie erzählen mir im Vertrauen ihre Nöte und fragen sogar um Rat. Meistens kommt es schlussendlich gut.

Was bedeutet dir die Zugehörigkeit zu dieser Kirche?
Das ist mein Halt. Das ist Medizin für mich. Wenn ich manchmal dachte “Muss das jetzt sein?”, dann habe ich etwas später verstanden, warum es so sein musste.

Warum wenden sich immer mehr Menschen von der Kirche ab?
Der Geldwahn ist ein grosses Gift. Alle wollen immer mehr verdienen. Für die Jungen ist es Gift, dass die Bars bis morgens um zwei offen sind. Immer mehr Personen müssen am Sonntag oder Samstagabend arbeiten, sei es als Trämli-Führer, im Verkauf oder Gastgewerbe. Dass diese Leute am Sonntag nicht zur Kirche kommen, ist einsichtig. Geld verdienen kommt leider oft vor dem Herrgott. Ausserdem bietet man den jungen Menschen heute so viel anderes. Früher hatten wir jeden Samstag unsere Blauringnachmittage, es gab keine anderen Hobbys neben der Schule. Alles andere zählt mehr als der Herrgott. Das ist schade. Es hat schon recht lange damit begonnen, dass die Menschen nicht mehr zur Kirche kamen. Auch bei der Erstkommunion sah man das schon lange: zuerst feiern sie ein rauschendes Fest, danach sieht man sie nicht mehr in der Kirche.

Muss sich die Kirche deiner Meinung nach verändern?
Nein, dass sich die Menschen abwenden, ist nicht der Fehler der Priester und der Kirche. Als die Kirche gebaut wurde, war sie zu gross. Damals waren wir noch wenige Katholiken in Münchenstein. Während des Krieges hat sich die Kirche gefüllt, sie war am Ende fast zu klein. Als der Krieg vorbei war, ging es der Bevölkerung Monat für Monat etwas besser, überall wurde fleissig gearbeitet. Je besser es den Menschen ging, desto leerer wurde unsere Kirche wieder. Der Mensch ist ein komisches Wesen, dass er nur kommt, wenn er in Not ist. Das stimmt mich traurig. Dabei könnte er doch auch kommen, um Dankeschön zu sagen. Denn wir könnten ohne das Zutun vom Herrgott nicht einmal atmen, geschweige denn leben. Braucht es wieder einen Krieg, damit die Menschen beten?

Wie hat dich der Glaube nach dem Tod deines Mannes getragen?
Der Tod meines Mannes war ein sehr harter Schlag. Ich war erst 56 Jahr alt, als er unerwartet gestorben ist. Innerhalb einer Woche ist er an Leberkrebs gestorben, davor war er immer gesund gewesen und wir hatten es gut miteinander. Der Glaube hat mich getragen. Es half mir sehr, zu wissen, dass er nicht lange krank sein musste und nicht gelitten hat. Aber ich blieb ohne Einkommen und mit nur einer kleinen Witwenrente zurück und musste ausserdem meine alt gewordene Mutter pflegen. Es wurde ein grausamer Winter. Eine Clique hatte eine grosse Larvenbestellung bei meinem Mann aufgegeben und wünschte, dass ich sie dennoch fertigstelle, da ich ihm vorher oft geholfen hatte. Es war sehr schwer, im Atelier meines Mannes zu arbeiten mit jenen Werkzeugen, die er alle vorher in den Händen gehalten hatte. Aber die Clique freute sich riesig über das Resultat. Bis zum Frühling hatte ich stark abgenommen und meine Verwandtschaft machte sich Sorgen um mich. Wie staunte ich, als die Sigristin eines Tages zu mir sagte: “Nicht nur deine Familie, sondern die ganze Pfarrei sorgt sich um dich!” Da wurde mir bewusst, wie stark ich getragen werde. Der Herrgott macht nichts falsch. Das Leben ging weiter. Und schon im Jahr darauf wurde ich als erste Frau in den Kirchenrat gewählt.

Hast du noch ein Schlusswort für unsere Leser?
Denkt daran: Wenn man glaubt, ist man behütet. Auch wenn es noch so schwer ist, du bist nicht alleine.

 

Herzlichen Dank für dein Erzählen und all deinen Einsatz in der Pfarrei Münchenstein.
Matthias Walther, 19. September 2018

 

Foto: Anneliese Weider, Palmbinden 2018