Einige Gedanken zum Schweizerpsalm

Der Text des Schweizerpsalms «Trittst im Morgenrot daher» sei sprachlich sperrig und inhaltlich nicht mehr zeitgemäss, heisst es seit einiger Zeit. Ein Gott, der sich im Strahlenmeer, im Sternenheer oder im Wolkenmeer zeigt, ein Gott der uns Hort und Wehr ist, passt doch schlichtweg nicht mehr in einen modernen, weltoffenen Staat. Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft hat deshalb einen Wettbewerb für eine neue Nationalhymne lanciert.

Als der Schweizerpsalm 1841 geschrieben wurde, stritten die Liberalen gegen die Konservativen, die Verfechter eines Staatenbundes gegen die Verfechter eines Bundesstaates, die Reformierten gegen die Katholiken. Umso mehr erstaunt es, dass der Text des Schweizerpsalms vom reformierten Zürcher Leonhard Widmer verfasst wurde, während der katholische Urner Alberich Zwyssig die Musik komponierte. Widmer war als Liberaler für die Auflösung der Klöster.

Zwyssig war als Pater Alberik Lehrer und Kapellmeister am Kloster Wettingen. «Betet, freie Schweizer, betet!» wird zu einem Aufruf an die zerstrittenen Schweizer, sich gemeinsam auf Gott zu besinnen und sich zu versöhnen, anstatt einander zu bekämpfen. Unsere Nationalhymne ist also das Gemeinschaftswerk zweier Männer mit unterschiedlichem konfessionellem Hintergrund und politisch gegensätzlichen Interessen. «Betet, freie Schweizer, betet!» Vielleicht auch ein Aufruf an uns heute – gerade am 1. August!?! Der Schweizerpsalm mag für manche sprachlich sperrig, zu religiös und nicht mehr zeitgemäss sein. Seine Entstehungsgeschichte jedoch und die Vision, die er enthält, beeindrucken noch heute.

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen allen einen schönen 1. August.

Nadia Miriam Keller

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