Genug

Einst kam ein Mensch zu einem Mönch und bat: «Ich möchte Gott finden und weiss nicht wie.» Da antwortete der Mönch: «Das ist nicht schwer. Liebst du Gott?» Der Mensch schüttelte den Kopf: «Gott lieben… das kann ich eigentlich nicht behaupten.» Wieder überlegte der Mensch eine Weile und erklärte dann: «Manchmal spüre ich die Sehnsucht, aber meistens habe ich so viel zu tun, dass diese Sehnsucht im Alltag untergeht.»

Der Mönch liess nicht locker: «Wenn du die Sehnsucht, Gott zu lieben, nicht so deutlich spürst, hast du dann Sehnsucht, diese Sehnsucht zu haben, Gott zu lieben?» Da hellte sich das Gesicht des Menschen auf und er sagte: «Genau das habe ich.» Da strahlte der Mönch: «Das genügt. Du bist auf dem Weg.» (aus: Mein Fasten-Wegweiser wandeln 2020, S. 12.) Ich habe in den vergangenen Tagen für die Fastenzeit nach Inspiration gesucht. Sie kennen bestimmt alle diese kreativen Ideen, wie man dieeigene Fastenzeit gestalten kann: «40 Tage ohne Schoggi», «40 Tage ohne Plastik», «40 Tage ohne Internet» etc. Wenn ich ehrlich sein darf, kommen mir all diese gut gemeinten Vorsätze auf einmal so unwesentlich vor, besonders in Anbetracht dessen, was die Welt heute und jetzt bewegt: Coronavirus. Ich sehe Bilder in den Nachrichten von geplünderten Läden in Norditalien, Menschen die in Sperrzonen leben müssen und keinen Ausweg haben. In Anbetracht dieser Realität, frage ich mich, wem es denn wirklich dient, wenn ich 40 Tage auf Schokolade verzichte. Doch es gibt etwas, das stärker ist als die Angst um eine globale Epidemie: die Sehnsucht. Die Sehnsucht nach Heil und Heilung, die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, die Sehnsucht nach Frieden und Freiheit. Schliesslich ist es die Sehnsucht nach Gott in all dem, was uns umgibt. So kehre ich den Gedanken der Fastenzeit um, so wie es Karl Rahner SJ mit diesen Worten auch schon gemacht hat: «Der wahreSinn der Fastenzeit liegt nicht im Verzichten». Vielleicht liegt er, wie in der Geschichte mit dem Mönch, in der Frage nach dem «mehr» im Leben und nicht nach dem «ohne». Und wenn es «nur» die Sehnsucht nach der Sehnsucht ist. «Das genügt.»

Sonja Lofaro

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