Im Augenblick leben

Einmal im Monat findet in der Stiftung Hofmatt in Münchenstein ein besonderer Gottesdienst statt.
Mein reformierter Kollege Pfarrer Perrenoud und ich wechseln uns ab in der Gestaltung einer Feier für Menschen mit Demenz. Das ist eine Herausforderung, denn die Teilnehmenden können den Inhalt von Gebeten, biblischen Geschichten und Predigtworten nur schwer aufnehmen; ich kann nicht davon ausgehen, dass sie etwas vom Gehörten für ihren Alltag “mitnehmen”. Vielmehr geht es darum, einen guten Moment zu erleben und die Gegenwart Gottes zu feiern. Durch persönliches Ansprechen und sinnliche Elemente wie Lieder, Bilder, Düfte oder Gegenstände zum Anfassen soll etwas von der heilsamen Nähe und Zuwendung Gottes spürbar werden. Darum geht es ja eigentlich in jedem Gottesdienst. Wiederkehrende Gebete und Rituale wie das Vaterunser oder das Segnen mit Weihwasser können Vertrautheit und Sicherheit vermitteln. Wenn dann die Augen der Teilnehmenden leuchten, ist das ein geschenkter Augenblick.

Die Schweizer Diakonisse Brigitta Schröder, Demenzbegleiterin und Buchautorin, sagt:  “Menschen mit Demenz sind bedeutsam für unsere Gesellschaft, weil sie unsere verkümmerte emotionale Ebene beleben. Sie können dich anlachen und anstrahlen. Sie sind frei von allem Materiellen.” Sie seien nicht eigentlich krank, sondern lebten in einer anderen, uns fremden Welt, die nicht vom Verstand kontrolliert wird. Sie sind immer im Hier und Jetzt. Im Augenblick leben, das können nur die wenigsten von uns. “Menschen mit Demenz können uns in dieser Hinsicht viel beibringen.”

Josef-Anton Willa

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