Zurück zur Normalität?

Wie mir geht es vielen: Wir sind allmählich pandemiemüde. Je länger der Ausnahmezustand dauert, desto lauter wird der Ruf, zur Normalität zurückzukehren. Doch was ist eigentlich „normal“? Gemäss Duden ist „normal“ das, was vorschriftsgemäss oder nach allgemeiner Meinung üblich und richtig ist.

War unser Lebensstil vor der Pandemie normal? Ist die vorherrschende Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung das Mass aller Dinge? Ist unser Wohlstand normal? Es gibt Menschen, die lieber nicht zur Situation vor der Pandemie zurückkehren möchten, sondern auf Veränderung hoffen. Wer sagt, was „normal“ ist? Was sich gehört?

Wir Christinnen und Christen besinnen uns auf die „Norm“, die Gott vorgibt. Er ist ein Gott der ganzen Schöpfung, der Leben will für alle. Nach seinen Geboten richten wir unser Reden und Tun aus. Wenn wir Worte aus der Bibel lesen oder hören, können wir etwas von Gott erfahren, vernehmen wir Gottes Weisung. Diese Norm ist uns aber nicht von aussen auferlegt wie ein einengendes Korsett. Sie ist in unser Herz eingeschrieben, der Apostel Paulus nennt es „Gewissen“.

Das Gewissen ist die Stimme Gottes in uns, sein Geist, der uns erkennen lässt, was richtig und wahr ist. Auf das Gewissen zu hören ist mehr als sich im Stillen etwas auszudenken. Es genügt nicht, auf sich selbst zu schauen, sondern man muss die Perspektive der Mitmenschen einbeziehen. Das Gewissen wird geformt im Austausch mit anderen und in der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, die uns umgibt.

Die Vorbereitungszeit auf Ostern mahnt alle Christgläubigen umzukehren, nicht zurück zur früheren „Normalität“, sondern zur „Norm“ Gottes: durch Bibellektüre und Gottesdienst, durch Glaubensgespräche, durch bewusstes Verzichten und Einüben in die Haltung der Genügsamkeit, durch Beschäftigung mit dem Thema der diesjährigen Fastenopfer-Aktion: Klimagerechtigkeit. Als Einzelne und als kirchliche Gemeinschaft sollen wir die Stimme unseres Gewissens erheben und dazu beitragen, dass die „Norm“ Gottes ein Stück weit zur Normalität wird: ein gutes Leben für alle Geschöpfe.

Josef-Anton Willa, Pfarreiseelsorger